Höllenzunft Kirchzarten

Chronik seit 1558

Die Geschichteder Höllenzunft

1558Der erste Beleg

Schon vor mehr als 442 Jahren wurde in Kirchzarten die Fasnacht gefeiert. Der Beleg dafür findet sich in einem Urkundenbuch des Freiburger Stadtrates, dem am 10. Dezember 1558 die Meldung des Talpflegers zuging, wonach die Bürger Kirchzartens „am altem Geprauch und Gewohnheit nach einem König erwöhlt" und gebeten hatten, „inen zu vergönnen, das Königreich zu halten". Das wurde ihnen erlaubt, doch sollten sie sich „darinnen gepurlich halten".

Im Jahre 1854 fand nach rund 250 Jahren wieder die erste bekannte kanevalistische Veranstaltung in Kirchzarten statt. Dabei versammelten sich die Bürger auf dem Kirchplatz „Unter den Linden" und forderten in närrischer Manier die Absetzung der beiden Nachtwächter und die Einführung des elektrischen Lichts. Aus der Zeit 1891–1894 sind die ersten Gesuche von Kirchzartener Wirten um Tanzerlaubnis in der Fasnacht überliefert.

1898Kaisertochter & Talvogt

1898 zog der Talvogt und Reichsfreiherr Dagobert von und zu Güldenglanz in seine Residenz in Kirchzarten ein. 1903 lud der Talvogt von Güldenglanz die Fürsten und regierenden Herren zur Besichtigung der Bürgermiliz ein. 1907 und 1909 stand Ritter Kuno von Falkenstein im Mittelpunkt der kanevalistischen Veranstaltungen. 1908 wurde mit großem Aufwand der Besuch der Kaisertochter Marie-Antoinette inszeniert. Mit dem Ringwunder 1909 endet die Aufzeichnung Kirchzartener Kanevalsspiele. Fünf Jahre später bricht der Erste Weltkrieg aus, der in der Folge die Feier der Fasnacht unterbunden haben dürfte. Die Not der Nachkriegsjahre ließ entsprechende Veranstaltungen nicht zu, und Verordnungen des Badischen Bezirksamtes Freiburg stellten Tanzbelustigungen und Fasnachtsveranstaltungen sogar unter Strafe.

Historische Fotografie: Inszenierung des Besuchs der Kaisertochter Marie-Antoinette 1908
1908 · Besuch der „Kaisertochter"
1935Gro-Ki-Fag

Nachdem schon 1934 auf Initiative von Willy Jäger und Harry Schäfer in Freiburg die „Breisgauer Narrenzunft" gegründet worden war, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, die kanevalistischen Formen der Fasnachtsfeiern abzutragen, um darunter urwüchsiges „schwäbisch-alemannisches Brauchtum" zum Vorschein zu bringen, erfolgte 1935 die Gründung der „Gro-Ki-Fag" — der Großen Kirchzartener Fasnachtsgesellschaft. In diesem Jahr traten die ersten Geiselklöpfer auf, die sich selbst zur Großen Kirchzartener Narrenzunft rechneten. Ebenso wurde in diesem Jahr das erste Eierlesen von Otto Trescher und seinen Hexen durchgeführt.

Im Jahre 1937 wurde die Gro-Ki-Fag in „Narrenzunft Kirchzarten" umbenannt. Zur Fasnacht 1939 kamen mehrere Freiburger Narrenvereinigungen nach Kirchzarten. Unter dem Motto „Mach auf das Herz für Zigeunerscherz" waren am Sonntag die Freiburger Fasnetrufer, die Oberwiehremer Kindsköpfe, die Herdemer Lalli und die Waldseematrosen zu Gast. Zum ersten Mal traten auch die drei roten Teufel — die Fasnetlader — in Erscheinung, ausgestattet mit zwei Laternen und ausgehöhlten Ochsenhörnern zum Blasen. Zu den Neuerungen 1939 zählte die Finanzierung der Fasnacht durch Plakettenverkauf sowie die Herausgabe einer gedruckten Narrenzeitung und eines geschriebenen Programms. Der Zweite Weltkrieg brachte dann sämtliche öffentlichen Fasnachtsveranstaltungen zum Erliegen.

Historische Fotografie: Die ersten Geiselklöpfer der Kirchzartener Narrenzunft
1935 · Die ersten Geiselklöpfer
Historische Fotografie: Die drei roten Teufel — Fasnetlader
Fasnetlader · die roten Teufel
1949Die Höllenzunft

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verhinderten zunächst wieder strenge Verbote das Aufkommen von Fasnachtsbräuchen. In einem Rundschreiben an die Bürgermeister des Landkreises vom 7. Februar 1947 machte der Landrat darauf aufmerksam, „dass aus Anlass des Faschings alle Kundgebungen öffentlichen Charakters wie Umzüge, maskierte Spiele in den Straßen, Parks, auf Plätzen, in den Wäldern usw. verboten sind." Mit Genehmigung des französischen Ortskommandanten veranstalteten die Kirchzartener 1948 einen Kinderumzug, wobei allerdings die drei roten Teufel wieder aufmarschierten. Auf Initiative von Malermeister Emil Schillinger trat nach einer Besprechung am 11.11.48 in der Sonne wieder ein Gremium zur Organisation der Fasnacht zusammen, aus dem ein neuer Elferrat hervorging.

Am 11. September 1949 tagte aus Anlass der 700-Jahrfeier der Stadt der „Verband Badischer Narrenzünfte – Franz. Besatzungsgebiet", heute VON, in Kenzingen. Dabei wurde die Kirchzartener Narrenzunft als „Höllenzunft Kirchzarten" feierlich in den Verband aufgenommen. Die Repräsentanten der Höllenzunft waren die „Höllengeister" Hexen, die „Geistertreiber" Teufel und die Geiselklöpfer. Diese Figuren schlossen sich daher zu einem Narrennest zusammen und bildeten seither die zweite organisierte Gruppierung der Zunft neben dem Elferrat. Zu ihren besonderen Attraktionen gehört die jährliche Aufführung des Hexentanzes, der 1950 von Erich Rieder und Otto Trescher entworfen und beim Narrentag in Zell i.W. uraufgeführt wurde.

Spätestens 1950 hatte sich das Grundkonzept des Fasnachtsverlaufes herauskristallisiert, das bis heute beibehalten wird: Am Schmutzigen Dunschdig findet vor dem Rathaus die Übergabe der Narrenrechte statt, anschließend ruft der Narrenrat die Fasnet aus. Am Abend folgen Hemdklunkerumzug und Große Narrensitzung. Am Samstag laden Veranstaltungen zu Tanz, Kostüm- oder Maskenbällen ein. Am Fasnet-Sunndig erreicht das närrische Treiben mit dem Umzug durch den Dorfkern — früher vom Hirscheneck zum Bahnhof, heute vom Bahnhof durch die Fußgängerzone zum Kurhaus — seinen Höhepunkt. Am Montag wird der Narrensamen mit Kinderumzug und Kinderball im Kurhaus gepflegt, am Dienstagabend folgen die Verbrennung der Brigittihex und der Kehraus in den Wirtschaften.

Historische Fotografie: Der erste Nachkriegs-Elferrat
1948 · Erster Nachkriegs-Elferrat
Historische Fotografie: Die Hexen der Höllenzunft 1949
1949 · Die Hexen der Höllenzunft
1955Narrentage

Im Jahre 1952 gründete Karl Hug in der damals noch selbständigen Nachbargemeinde Zarten die „Schlangenzunft", die später als Nest der Höllenzunft eingegliedert wurde. Auf Initiative von Gerhard Schlemmer schloss sich eine Anzahl von Mitgliedern des „Vereins für Rasenspiele", heute Sportverein, zum dritten Nest der Höllenzunft zusammen, das seither den Namen „Brigitti-Matrosen" führt.

Zum Auftakt der Fasnacht 1955 besuchten die Kirchzartener mit ihren Hexen, Teufeln und Geiselklöpfern den Narrentag in Freiburg. Am 9. und 10. Februar 1957 war die Höllenzunft dann Gastgeber des Oberrheinischen Narrentages: In der Umzugsfolge sind 38 Zünfte und Kapellen aufgezählt, die mit rund 1200 Mitgliedern nach Kirchzarten gekommen waren und in fünf Blöcke aufgestellt wurden. Damit verbunden war auch der Frühjahrskonvent des Verbandes Oberrheinischer Narrenzünfte „VON" mit der Aufnahme der „Oberwindener Spitzbuben".

Historische Fotografie: Narrentag in Freiburg 1955
1955 · Narrentag Freiburg
Historische Fotografie: Hexen beim Narrentag in Freiburg 1955
1955 · Hexen am Narrentag
Historische Fotografie: Umzug beim Narrentag 1955
1955 · Umzug in Freiburg
1958Bis heute

Aus dem Skatclub ging auf Initiative von Klaus Zumkeller 1958 das vierte Nest der Höllenzunft hervor — die „Contra-Brüder", deren rot-weiß-grünes Häs den Bildern der Spielkarten nachgestaltet wurde. Nach der Gemeindereform traten 1974 die Schlangen aus Zarten als fünftes Nest der Höllenzunft bei.

Im Jahre 1995 konnte die Höllenzunft ihr 60-jähriges Jubiläum feiern. Am 4. und 5. Februar wurde ein Vogteitreffen der Vogtei Mittl. und Südl. Breisgau des Verbandes Oberrheinischer Narrenzünfte in Kirchzarten ausgetragen. Rund 2500 Hästräger mit etlichen Musikkapellen, Fanfarenzügen und Spielmannszügen formierten den großen Jubiläumsumzug — etwa zehntausend Zuschauer schienen den Ort Kirchzarten regelrecht zu erdrücken.

Seit 2013 sind die Mehlsäck Kirchzarten wieder fester Bestandteil der Höllenzunft — entstanden 1980, 2013 wiedergeboren als fünftes Nest.

Die Nester kennenlernen Umzug 2027